Als 1991 das Internet für die Öffentlichkeit zugänglich wurde, ist in Folge dieses Ereignisses eine Welt neuer Möglichkeiten entstanden. Damit einhergehend gab es eine Reihe von neuen Begrifflichkeiten und es hat eine Weile gedauert, bis die breite Masse verstanden hat, was damit gemeint ist und diese neu geschaffenen Wörter zum Bestandteil unseres Vokabulars wurden. Einhergehend damit, wurden die mit dem Internet in Verbindung stehenden Technologien zum Bestandteil unseres täglichen Lebens.

Mit dem Erscheinen von Bitcoin in 2009 hat sich wieder ein Tor zu einer neuen Welt geöffnet. Wieder entstehen neue Begrifflichkeiten. Von einer damals noch kleinen Community wurde in Zusammenhang mit Bitcoin der Begriff „Kryptowährung“ erschaffen. Es wird von Coins(1), Tokens(1), Altcoins(2), ICO(3), Ledger(4) und vielem mehr gesprochen. Auch wenn solche Begriffe für viele Menschen noch mit einem grossen Fragezeichen behaftet sind, weitet sich das Thema global mit einer rasanten Geschwindigkeit aus. Die Community der Nutzer wächst stetig und mit ihr die Anzahl der sogenannten „Kryptowährungen“. Aber handelt es sich bei all den Coins und Tokens, die es mittlerweile gibt tatsächlich um das, was der Begriff „Kryptowährung“ impliziert, nämlich eine auf Kryptographie basierten Währung?

Nicht das, was auf der Verpackung steht zählt, sondern das, was drin ist!

Der Zweck und die Beschaffenheit entscheidet darüber, was „es“ ist und nicht die Namensgebung. Lassen sie uns dazu das Wort „Kryptowährung“ in seine beiden Bestandteile zerlegen. Der erste Teil impliziert, dass es sich um etwas verschlüsseltes handelt. In der Tat handelt es sich bei den sogenannten Kryptowährungen um „Einheiten“ welche auf einem Verschlüsselungsprotokoll basieren. Diese Einheiten nennen sich „Coin“ oder „Token“ und besitzen einen individuellen und damit einzigartigen Code, welcher anhand des jeweils zugrundeliegenden Algorithmus errechnet wird und in dem jeweiligen System (z.B. einer Blockchain) gespeichert ist. Tiefer möchte ich an dieser Stelle nicht in das Thema eintauchen.

Der zweite Teil des Wortes erweckt den Eindruck, dass es sich um eine Währung handeln soll. Das gibt Anlass für eine konkrete Betrachtung. Eine Währung hat verschiedene Eigenschaften zu erfüllen, um als solches bezeichnet zu werden. Im Zentrum stehen jedoch drei Funktionen, welche eine Währung ausmacht:

  1. Vorbehaltloses Zahlungsmittel
    (Gemeint ist damit, dass eine Währung von einer repräsentativen Anzahl Marktteilnehmer als Zahlungsmittel für den Erwerb von Gütern und Dienstleistungen akzeptiert wird.)
  2. Einheitlicher Bewertungsmassstab
    (Die Inhaber einer Währung bewerten Waren und Dienstleistungen in der entsprechenden Währung.)
  3. Aufbewahrung und Sicherung des Wertes
    (Da nie der gesamt verfügbare Betrag einer Währung im Umlauf ist, muss gewährleistet sein, dass der nicht verwendete Betrag seinen Wert zumindest erhält und die Aufbewahrung dieses Wertes in einem gesicherten Rahmen erfolgt.)

Wenn wir diese Definition als Grundlage nehmen, so wird sehr schnell deutlich, dass die Landschaft der „Kryptowährungen“ differenziert zu betrachten ist. Tatsache ist, dass kaum eine der geschaffenen Coins den drei Grundfunktionen einer Währung entspricht und auch kein Konzept erkennbar ist, welches eine Erfüllung dieser Grundfunktionen in Aussicht stellt.

Projektfinanzierung statt Währung

Bei genauer Betrachtung ist leicht erkennbar, dass die meisten Coins (oder Token) geschaffen wurden, um ein Projekt zu finanzieren und nicht als Währung im eigentlichen Sinne zu fungieren. Bei diesen Projekten handelt es sich zumeist um die Entwicklung und Verbreitung von Technologien, welche in Zusammenhang mit der Weiterentwicklung des hier angesprochenen Themenbereiches stehen. Es können aber auch sonstige unternehmerische Aktivitäten oder gar soziale Projekte sein, welche über die Ausgabe eines Coins finanziert werden sollen.

Solche Projekte werden im Rahmen eines sogenannten „White Papers“ (eine Art Verkaufsprospekt) beschrieben und über einen ICO (Initial (public) coin offering) einem öffentlichen Publikum zum Kauf angeboten. Diese Art der Finanzierung erinnert an eine traditionelle Finanzierungsform von Projekten durch die Ausgabe von Unternehmensaktien. Es wird eine ausführliche Unternehmens-beschreibung, inkl. eines Businessplans, erstellt und im Rahmen einer privaten Finanzierung werden einem entsprechendem Publikum Aktien des Unternehmens zum Kauf angeboten. Geschieht dies über eine Aktienbörse, so spricht man von einem IPO (initial public offering).

Der Erfolg einer solchen Beteiligung hängt von verschiedenen Faktoren ab und oft kommt es dazu, dass sehr junge Projekte nicht überleben. Im Falle eines Aktienkaufs besitzt der Finanzier des Projektes zumindest eine Aktie, hat i.d.R. ein Mitbestimmungsrecht und ist direkt am Erfolg des Unternehmens beteiligt.

Werden Coins im Rahmen eines ICO’s oder auch später über eine Handelsplattform erworben, so repräsentiert dieser Coin zwar das entsprechende Projekt, defakto besteht jedoch kein direkter Besitzanspruch an dem entsprechenden Unternehmen oder dem Projekt. Auch besteht als Coin-Inhaber kein Mitspracherecht.

Ähnlich wie der Erwerb einer Aktie von einem privaten Unternehmen, ist der Erwerb eines Coins mit erheblichen Risiken verbunden und als hoch spekulativ einzustufen. Im Moment erleben wir einen Hype in dem noch jungen Marktsegment der Kryptowährungen und es wird sich zeigen, ob die Hoffnung der Coin Initiatoren sich erfüllen werden. Auffällig ist, dass viele der technologiebasierten Projekte grosse Lücken ausweisen und die involvierten Personen nur bedingt über die für eine erfolgreiche Unternehmensführung benötigten Kompetenzen verfügen. Sicher wird es auch einige Gewinner geben, so wie es beim Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 der Fall war. Darum ist es wichtig, bei einem Investment in diesem noch jungen Markt dieselbe Sorgfalt an den Tag zu legen, wie man es für ein traditionelles Investment tun würde.

Aber es gibt sie doch, die kryptische Währung

Was ist denn Bitcoin? Um diese Frage zu beantworten, sollten wir einen Blick auf die Entstehung werfen. Das Konzeptpapier wurde unter dem Pseudonym «Satoshi Nakamoto» verfasst, in 2008 veröffentlicht und am 03.01.2009 wurden die ersten Bitcoins geschaffen. Streng genommen ging es bei dem Konzept darum, wie eine Währung ausserhalb des Systems (Banken & Regierungen) aussehen könnte. Ein System, welches von der Nutzergemeinschaft verwaltet wird und die Manipulation einzelner Personengruppen oder Institutionen verunmöglichen soll.

  • Bitcoin ist die Mutter aller Kryptowährungen, was jedoch niemand zum Zeitpunkt seiner Entstehung abschätzen konnte, war die reale Marktentwicklung und welche Anforderungen bei einer globalen Anwendung zu erfüllen sind. So zeigt sich heute, dass Bitcoin zwar den grössten Marktanteil besitzt, aber kaum als Zahlungsmittel für den täglichen Bedarf geeignet ist. Hier nur einige wesentliche Gründe:
  • Die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist viel zu langsam, um Massentransaktionen zu ermöglichen,
  • die Transaktionskosten (Stromkosten) sind viel zu hoch,
  • es gibt weltweit verschiedene Communities, welche unterschiedliche Zielsetzungen im Hinblick auf die Entwicklung von Bitcoin verfolgen und
  • der Strombedarf, welcher das gesamte Bitcoin-System hat, entspricht dem Stromverbrauch von einem Land wie Irland.

Zudem sind die Kursschwankungen von Bitcoin und anderen Kryptowährungen derart hoch, dass kaum von der Möglichkeit einer Wertsicherung gesprochen werden kann. Vielmehr kann man eher von Spekulation sprechen. So erleben wir leider auch, dass das noch junge Feld der Kryptowährungen von den Währungsspekulanten entdeckt wurde und sich der Fokus der Spekulation vom Devisenhandel mit Fiat-Währungen zunehmend auf Kryptowährungen verlagert. So werden die Kursschwankungen von Spekulation angeheizt und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ein Marktvolumen erreicht ist und Mechanismen implementiert sind, welche für mehr Stabilität in diesem Bereich sorgt.

Es ist anzunehmen, dass es zunehmend digitale Währungen geben wird, welche ausserhalb dieses Mainstreams stehen und völlig anders organisiert sind. Dies kann die Entwicklung des noch jungen Marktsegmentes und der Verbreitung von privaten digitalen Währungen positiv beeinflussen und ihm eine neue Richtung geben. Das bringt uns zu einer weiteren Betrachtung. Wo geht die Reise überhaupt hin? Wie wird unser Geld von Morgen aussehen?

Der Wandel vom «Allzweck-Geld», hin zu einem Funktionsbündel von Geld

Geld, so wie wir es heute kennen, untersteht der Annahme, dass es jeden Zweck zu erfüllen hat. Einmal davon abgesehen, dass dieser Ansatz in Gänze nicht erreicht wurde, stehen wir vor einem der grundlegendsten Veränderungen des Geldsystems.

Sehr zeitnahe werden wir erleben, dass Geld sich zu einem Funktionsträger verändert. Verschiedene Formen des Geldes gelangen zum Einsatz, je nach dem welchen Zweck es erfüllen soll. Ob Staatsgeld (das von den Notenbanken geschaffene Geld), Wirtschaftsgeld (das von den Banken geschaffene Geld) oder privates Geld (das von Wirtschaftsteilnehmern geschaffenes Geld), wir werden eine Verschmelzung zu verschiedenen digitalen Zahlungsmitteln erleben.

So wie die Auswahl der Apps auf unseren Handys, die wir zum Zweck der Kommunikation nutzen, den individuellen Bedarf repräsentiert, so wird es morgen bei der Wahl des Geldes sein. Je nachdem, wie wir unsere Sicherheitsansprüche oder den Wunsch an die Ausgestaltung des Geldes definieren, sich unsere Kaufgewohnheiten gestalten, die Zugehörigkeit zu Communities oder unsere globale Ausrichtung gestaltet, wird unsere persönliche Wahl digitalen Geldes und damit unser Funktionsbündel bestimmen.

Dies wird die grundlegendste Veränderung im Bereich Geld seit rund 5’000 Jahres sein und wir dürfen diesen Wandel nicht nur erleben, sondern können ihn aktiv mit Gestalten. Um als Sieger aus dem Prozess eines Wandels hervorzugehen, sollte man sich so früh wie möglich mit dem entsprechenden Thema auseinander setzen und beginnen Erfahrungen zu sammeln. In dem Zusammenhang stellen sich einige Fragen:

  • Wie definiert sich mein persönlicher Bedarf, wenn es um Geld geht?
  • Vertraue ich eher einem System, welches staatlich dominiert ist?
  • Vertraue ich den Banken, wenn es um die Schaffung von Geld geht?
  • Können private Unternehmen, welche Geld für eine spezifische Zielgruppe schaffen, für mich eine Alternative sein?
  • Ist ein dezentrales System, wo die Entwicklung im Grunde sich selbst überlassen ist, für mich die erste Wahl, oder
  • bevorzuge ich eher ein zentral gesteuertes System, welches auf die Bedürfnisse seiner Community ausgerichtet ist?
  • Deckt sich die Art und Weise Schaffung einer digitalen Währung mit meinen ökologischen Werten?
  • Ist der Aspekt eines intrinsischen Wertes (Werthinterlegung) einer Währung für mich von Bedeutung?
  • Mit welchem Konzept erfolgt die globale Marktbearbeitung und damit die Gewinnung einer möglichst hohen Anzahl von Nutzern sowie der Anbindung von Akzeptanzstellen?
  • Bin ich eher Spekulant oder lege ich Wert auf eine möglichst stabile Kurzentwicklung?

Dies sind nur einige Fragen und sie sollen dazu anregen, sich mit dem Themenkomplex der Kryptowährungen bzw. digitaler Währungen auseinander zu setzen. Lesen Sie Fachartikel oder entsprechende Fachliteratur, besuchen Sie Vorträge und sprechen mit fachkundigen Personen über das Thema. Es geht dabei in erster Linie nicht um richtig oder falsch, sondern darum, dass Sie ein Gefühl für dieses Thema entwickeln. Dazu gehöret auch, dass Sie Erfahrungen sammeln. Investieren Sie in verschiedene Kryptowährungen, entwickeln Sie Ihre eigene Strategie. Abwarten ist dabei allerdings keine sinnvolle Strategie. Durch Ihr aktives Handeln werden Sie zum Mitgestalter eines Wandels, dem Sie sich eh nicht entziehen können.

Viel Erfolg auf dem Weg zu Ihrer digitalen Zukunft des Geldes!

Kampala 03. April 2018 / Jörg Haupt – theCLICKman – www.theclickman.me

  1. In der Geschichte des Geldes wurden Münzen, welche aus Edelmetall (Gold und Silber) geprägt wurden als «Coin» bezeichnet. Hingegen wurden die Münzen, welche aus «billigen» Legierungen geprägt wurden, «Token» genannt.
  2. Als Altcoin werden alle Coins bezeichnet, welche nicht Bitcoin sind. Somit gibt es den Bitcoin und alles anderen Coins sind alternative Coins (Altcoins).
  3. Als ICO bezeichnet man eine öffentliche Ausschreibung eines Coins, das Initial (public) Coin Offering.
  4. Ein Ledger ist eine Art Kassenbuch (aus dem Rechnungswesen stammend), also ein Aufzeichnungshilfsmittel in Form eines Journals, das sämtliche (Bargeld-)bewegungen eines Unternehmens/Systems beinhaltet. Im Bereich der Kryptowährungen basiert dieses Ledger in den meisten Fällen auf der Blockchain-Technologie, welche jedoch (abhängig von der gewählten Variante) verschiedene Funktionsausprägungen haben kann.

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